
erschienen Februar 2010
120 Seiten, Preis € 9,95 [D]
ISBN 978-3-942025-22-5, Bestell-Nr. BEL0018
Friedrich arbeitet in Arnstadt an der Übertragung einer Geschichte der historischen Erfolgsschriftstellerin Marlitt und beginnt, über die Enge seiner Thüringer Heimat nachzudenken. Gerade der Text aus dem 19. Jahrhundert macht ihm klar, dass die neue Zeit nicht die perfekte Idylle ist. Nach dem Zusammenbruch des Industriezeitalters wollten die Thüringer alles besser machen: Weg mit Wachstum um jeden Preis dafür Stabilität und Ruhe.
Bei Johanna in Erfurt geht es währenddessen turbulent zu. Sie kämpft um die frische Liebe - gegen Thoralf, gegen ihren Vater. Und welche Rolle spielt Prof. Schmied in diesem Spiel? Die Situation eskaliert, als Friedrich nach Erfurt zurückkehrt und auf Thoralf trifft. Johanna und Friedrich müssen sich entscheiden: Eine Zukunft in Thüringen oder ihre Liebe …
Was passiert eigentlich, wenn ein Ländchen wie Thüringen abgekapselt wird von der Welt, der Wald drumherum zuwächst und die Einwohner dieses Erdenwinkels so langsam 500 Jahre in die Zukunft driften? – Gute Frage, antwortete sich da der Leipziger Autor Uwe Schimunek. »Das Thüringen-Projekt« liegt jetzt als Buch vor.
Als handliches Taschenbuch aus dem fhl Verlag. Auf dem Cover: eine rustikale Bank am Wanderweg mit weitem Blick über die grüne Mittelgebirgslandschaft. Untertitel: ›Eine Liebesnovelle‹. Schauplatz: ein Nest namens Erfurt. – Man fährt mit Velotris durch die Gegend (oder besser: strampelt sich damit die Berge rauf und runter), irgendwie hat eine Militärkaste das Sagen in der Stadt, die Universität gibt's noch. Und der Held der Geschichte, Friedrich, beschäftigt sich mit der Übertragung einer Novelle der berühmten Thüringer Schriftstellerin Eugenie Marlitt, die Zeit ihres Lebens in Arnstadt lebte und 1865 in der in Leipzig erscheinenden ›Gartenlaube‹ ihre erste Novelle veröffentliche: ›Die zwölf Apostel‹.
Genau um diese erste Marlitt-Novelle, eine der für die Zeit typischen idealen Liebesgeschichten zwischen einer schwarzhaarigen Schönheit (die in bitterster Armut lebt) und dem jungen Maler von gegenüber, geht es in Friedrichs Quellenforschung, für die er auch noch schweißtreibend ins idyllische Arnstadt radelt, wo er so nebenbei auch den dichten Urwald beschnuppert, der Thüringen umsteht wie weilend die Dornenhecke das Märchenschloss.
Uwe Schimunek: Das Thüringen-Projekt.Warum das so ist, warum in diesem von aller technischen Entwicklung abgeklemmten Thüringen die Zeit nicht nur stehen geblieben zu sein scheint, sondern Gesellschaftsformen noch früherer Jahrhunderte ihre Wiederauferstehung gefeiert haben, erlebt der Leser am Ende der Novelle, wenn sich die beiden Liebenden, der Student Friedrich und die Professoren-Tochter Johanna bekommen haben.
Schimunek selbst erprobt sich mit seiner eigenen Novelle ganz im Marlittschen Spannungsfeld. Was so nebenbei auch eine kleine Verbeugung ist vor der Frau, die vor 150 Jahren das Lesepublikum mit innigen Verstrickungen und Verquickungen erfreute. Eine Verbeugung mit Hintersinn, denn natürlich dreht sich das dann um die Frage: Wird auch die Literatur provinziell, wenn die Zustände, unter denen sie entsteht, provinziell sind?
Oder flüchtet sich das Lesepublikum einer Zeit, die gewaltig im Umbruch ist, lieber freiwillig in überschaubare Geschichten, in denen die Motive der Handelnden recht simpel und die Maschinerien der Handlung jederzeit durchschaubar sind – glücklicherweise: Man behält, anders als im chaotischen Leben, jederzeit die Übersicht und bracht keine Bange haben, dass am Ende alles gut ausgeht. Die Frage ist nur, wann und wie sich die beiden Märchenkinder finden dürfen.
Natürlich ist die Erforschung der Marlitt-Novelle nicht das »Thüringen-Projekt«. Was es damit auf sich hat, das erfahren auch Friedrich und Johanna erst am Schluss, nachdem ihre junge Liebe ein wenig mit den Gegebenheiten der kleinen, erstarrten Provinz kollidiert ist. Womit sich ganz am Ende des Buches noch eine ganz neue Sicht auf diese waldumstandene Exklave ergibt und die Folgen, die eine Isolierung auf eine Gesellschaft haben kann. Eigentlich sogar eine hübsche Nuss für Soziologen, die sich mit offenen und geschlossenen Gesellschaften beschäftigen.
Die Antwort könnte sehr interessant sein. Und womöglich ist Schimuneks Version noch die freundlichste von allen. Was nicht ausschließt, dass man bei längeren Aufenthalten in def Gegend von Erfurt und Arnstadt vorsichtig sein sollte.



