
erschienen Mai 2010
315 Seiten, Preis € 14,95 [D]
ISBN 978-3-942025-29-4, Bestell-Nr. BEL0028
gebundene Ausgabe, Hardcover
erschienen Mai 2010
315 Seiten, Preis € 22.95 [D]
ISBN 978-3-942025-30-0, Bestell-Nr. BEL0029
Leipziger Verlage experimentieren gern. Das ist nicht neu. Das hat Tradition. Und das ergibt reizvolle Ergebnisse. So landete in diesem Frühjahr der keineswegs unbekannte Stephan Sarek, der schon bei dtv und im Rake-Verlag veröffentlicht hat, im Leipziger fhl Verlag. Mit einem hochkarätigen Erzählungsband.
Nur der Titel verwirrt. Und auch das Cover-Bild. Sie verheißen anstrengende Lektüre. Auch wenn der Titel witzig klingt. Es geht zwar zwei Mal um Horst und der Horst im Titel hat nichts mit dem Horst Ziolkowsky zu tun, der im Klappentext Erwähnung findet. Der eine versteht wirklich nichts von Lyrik. Dem anderen aber wurde eine Ampelanlage in die Wohnung gebaut. Das sind jene kleinen, witzigen Geschichten, wie man sie von Ludwig Thoma etwa kennt. Der normale wahnsinnige Alltag gibt sie her. Jedes Volk ist von den Narreteien seiner biedersten Mitglieder geplagt. In Deutschland gehören auf jeden Fall übereifrige Verwaltungen und diverse Dichtervereine dazu. Durchgeknallte Ministerpräsidenten, die die Hatz auf einen Braunbären eröffnen, genauso wie all die smarten Einsparfüchse, die auch unbedingt ins Gesundheitswesen die freie Marktwirtschaft einführen wollen - mit verheerenden Folgen. Manche Geschichte schrammt dann logischerweise dicht an einer saftigen Gesellschaftskritik vorbei. Das Lachen bleibt im Halse stecken. Aber es ist wohl so. Wenn der freie Wettbewerb auch noch den Herzinfarkt zur Handelsware macht, zeigt sich erst, wie korrupt der Mensch sein kann, wenn er darf.
Man sieht vielen der hier versammelten Geschichten an, dass sie zuvor schon eine Veröffentlichung in einem Tagesmedium erlebt haben. Das ist nicht schlecht. Das ist eine Tugend. So sind sie erprobt und brauchen sich nicht mehr beweisen. Und man merkt, dass Sarek das kurze Geschäft beherrscht, dass die Pointen passen und keine vakuumverpackte Luft in den Texten ist wie heutzutage in vielen Produkten der Knabber-Industrie. Man kann also aufs Knabbern verzichten. Das liest sich weg im Bus, in der Bahn, vielleicht sogar beim Warten auf die Geliebte. Kluge Männer haben immer ein kurzweiliges Buch dabei, wenn sie sich verabreden. Die schönsten Frauen kommen immer am pünktlichsten. Ein, zwei Sarek-Geschichten schafft man da schon.
Bis auf die anderen, die er hier hereingemogelt hat. Denn Sarek ist auch ein Träumer. Mit 53 Jahren darf man das wieder sein. Da muss man niemandem mehr beweisen, wie abgebrüht ein Knopf im Ohr ist. Da darf man sich verwandeln. Auch wieder in einen Liebhaber. Und es gibt ein paar sehr innige Liebesgeschichten in diesem Buch. "Himbeermund" heißt die eine und handelt - auf Schweizer Umwegen - von der ersten und unüberbietbaren Liebe. Sie geht - wie kann es anders sein - wehmütig aus. Und in "Penelope" geht es um Hund und Katz. Nicht symbolisch, sondern in Italien irgendwo, wo das Wetter eine herrliche Kulisse abgibt für das kurze lange Leben eines Beagles und seiner Bekanntschaft mit einer klugen Katze. Das kann man nicht nacherzählen. Das muss man lesen. Es ist zu schön. So wie die märchenhafte Liebe in "Seemannsgarn". Da klabauterts ein bisschen und ist doch romantisch bis in die Knochen.
Und das ist wohl so, weil ein satirisches Gemüt wie Sarek auch ein unerziehbarer Romantiker ist. Vielleicht bedingt sich das ja und geht in den deutschen Wäldern nur deshalb so oft schief, weil die Romantiker glauben, ernst genommen werden zu müssen. Das müssen sie nicht. Sie sollten allesamt mehr Heine lesen und weniger Schopenhauer. Aber wem sagt man das? - Schopenhauer sieht so schön aus im Regal. Und Heine muss man immer verstecken, wenn einer mit einer Fahne dahermarschiert kommt.
Man bekommt also ein buntes Vademecum in die Hand mit Sareks 24 Geschichten, darf mit dem Autor bei der Besteigung des Hirschberges scheitern und nach fliegenden Pinguinen Ausschau halten. Wer Phantasie besitzt, dem ist eine Menge möglich. Auch das fröhliche Spielen mit den ernsthaftesten Betätigungen all der ordentlich sortierten Aufgabenwahrnehmer. Hier schreibt einer, dar keine Lust darauf hat, die geschwätzige Ziellosigkeit der Gegenwart als literarischen Stoff zu verarbeiten. So billig macht er's nicht.
Das Pferd auf dem Cover kommt auch drin vor, fährt am Ende sogar U-Bahn. Aber wie gesagt: Der Titel spaßt mit dem Leser. Es geht nicht um Lyrik und andere schwere Dinge. Es geht nur um die normal schweren Dinge, die jedem Mitteleuropäer passieren können und die erst im Nachhinein zeigen, welchen Spaß man da erlebt hat. Und Sarek ist einer, der hält es mit dem klugen Spruch: Nimm dich selbst nicht so wichtig, dann lebt es sich schöner.
Und dem Leser verschafft es ein Lesevergnügen. Gäb's noch ein Regal mit Kurzweil in den Buchhandlungen, da gehörte es hinein. Zwischen Woody Allen, Karel Capek und Hermann Harry Schmitz.



